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Zwischen Fähre und Wirtshaus — die Berounka des Ota Pavel

Stand: 25.08.2026 · Ortswissen

Zwischen Skryje und Roztok fließt die Berounka durch die Wälder des Křivoklátsko. Wer hier paddelt, kommt an einer handgestakten Fähre und einem weißen Wirtshaus vorbei — zwei Orten, die in der tschechischen Literatur einen festen Platz haben. Sie gehören zum Personal von Ota Pavel, der hier als Kind die Sommer verbrachte und später darüber schrieb. Die Geschichten sind schön. Was hinter ihnen liegt, ist es nicht.

Ein Flussabschnitt mit Literaturgeschichte

Das Tal der Berounka im Křivoklátsko, von den Felsen über dem Fluss

Rund sieben Kilometer oberhalb von Křivoklát quert eine Fähre die Berounka. Sie verbindet das linke Ufer bei Nezabudice mit dem Uferweiler Luh unterhalb des Dorfes Branov. Gefahren wird auf einer motorlosen Aluminium-Zille, gestakt mit der Stange; auf der Nezabudicer Seite hängt eine Anleitung, wie man den Fährmann herüberholt. Diese Fähre und ein Wirtshaus flussaufwärts sind Schauplätze mehrerer Erzählungen von Ota Pavel (1930–1973). In Tschechien heißt die Gegend deshalb schlicht „Ota Pavels Landstrich".

Wer Ota Pavel war

Ota Pavel wurde am 2. Juli 1930 in Prag als Otto Popper geboren, jüngster von drei Söhnen des jüdischen Handelsvertreters Leo Popper und seiner Frau Hermína, die nicht jüdisch war. In der zweiten Hälfte der 1930er Jahre vermietete der Fährmann Karel Prošek der Familie die Hälfte seines Fährhauses in Luh als „Sommerwohnung". Von dort stammt alles, was Pavel später über Fische, Flüsse und Wilderer geschrieben hat.

1939 musste die Familie Prag verlassen und zog nach Buštěhrad bei Kladno auf den Hof der Großeltern. Im Februar 1943 wurden die beiden älteren Brüder Hugo (1924–2014) und Jiří (1926–2011) in einen Transport nach Theresienstadt eingereiht; Jiří kam gegen Kriegsende nach Mauthausen. Ota blieb mit der Mutter zurück und arbeitete ab 1944 als Bergmannslehrling bei Kladno. Vater und Brüder kehrten zurück. Wann genau der Vater deportiert wurde, geben die Quellen widersprüchlich an — Februar 1943, Ende 1944 oder erst 1945. Das ist ungeklärt.

Nach dem Krieg wurde Ota Pavel Sportreporter. Bei der Winterolympiade 1964 in Innsbruck brach eine schwere psychische Erkrankung aus, vermutlich eine bipolare Störung; er zündete ein Gehöft in den Bergen an und wurde erstmals in eine Klinik eingewiesen. 1966 ging er in Invalidenrente. In den folgenden Jahren entstanden, oft in Kliniken, seine beiden autobiografischen Bücher: Smrt krásných srnců (1971) und Jak jsem potkal ryby (posthum 1974). Am 31. März 1973 starb er mit 42 Jahren an Herzversagen.

Der Fährmann Prošek

Karel Prošek, geboren 1883 in Branov, war von 1928 bis 1944 Fährmann in Luh. Im Ersten Weltkrieg hatte er an der serbischen Front gedient und kam verwundet zurück. Er starb 1956 und ist in Branov begraben.

Bei Ota Pavel wird aus ihm „Onkel Prošek", eine Figur, die alles kann: pflügen, melken, Köhlern, bei Hochwasser übersetzen, Körbe flechten, einen Rehbock schießen. Vor allem weiß er alles über Fische — er sticht sie bei Mondnacht vom Boot aus mit einer Gabel, stellt Reusen, legt Schnüre aus und angelt nach außen hin brav mit der Rute wie ein Herr. Dazu gehört sein Hund Holan, ein Schäferhund, der nach Pavels Beschreibung im Grunde ein Wolf war.

In der bekanntesten Erzählung, Smrt krásných srnců, fährt der Vater mit abgetrenntem Judenstern auf einem klapprigen Fahrrad los, um einen Rehbock zu schießen — Nahrung für die Söhne, bevor sie ins Lager müssen. Selbst der mutige Prošek fürchtete sich da: Auf Wilderei und auf das Verstecken eines Juden stand der Tod.

Einer der heutigen Fährleute ist Václav Prošek (geb. 1963), sein Enkel.

Die Zille „Hermína" wird über die Berounka gestakt — dieselbe Überfahrt wie bei Ota Pavel, nur mit anderem Boot

Übersetzen bei Luh: bezahlt wird mit einer freiwilligen Spende

Das Wirtshaus U Rozvědčíka und Jaroslav Franěk

Am linken Ufer, im Skřivánčí údolí („Lerchental") bei Nezabudice, steht ein weißes Gasthaus: U Rozvědčíka, „Beim Kundschafter". Heute ist es ein Wallfahrtsort für Paddler und Radfahrer. Die wenigsten Gäste kennen die Geschichte des Mannes, der es gebaut hat.

Der Hostinec U Rozvědčíka mit seinem Biergarten unter den Linden

Die Speisekarte hängt nicht an der Wand, sie ist die Wand — in Holzlatten gebrannt

Jaroslav Franěk, geboren am 8. Oktober 1897 in Nezabudice, lief 1916 an der Ostfront über und trat den tschechoslowakischen Legionen in Russland bei, wo er als rozvědčík diente — als Kundschafter. Bei Zborov verschüttete ihn eine Granatexplosion; ein Kamerad grub ihn aus, zurück blieb eine Epilepsie. Deshalb kam er später heim als die anderen: Er lag bis November 1919 in einem französischen Lazarett in Saigon.

Daraus wurde daheim eine Legende — Franěk sei Kundschafter in Indochina gewesen. Ota Pavel hat sie übernommen. In der Erzählung Malý pstruh beschreibt er, wie Franěk unterhalb von Nezabudice zuerst eine braun gestrichene Holzbude aufstellte, mit Bier, Rum und gelber Limonade, und sie Anamo nannte — nach Annam, der Region Vietnams. Erst später baute er am Bach das gemauerte Wirtshaus; über dessen Baujahr gehen die Angaben auseinander, 1934 oder 1935.

Nach der Besetzung 1939 schloss sich Franěk der Widerstandsorganisation Obrana národa an und beschaffte Waffen, die er in Bierfässern transportierte. Im Frühsommer 1939 suchten Josef Mašín und Jan Studlar das abgelegene Ausflugslokal als Waffenlager aus; deponiert wurden unter anderem ein Flugabwehr-MG, Gewehre, Revolver und Munition. Am 26. April 1940 verhaftete die Gestapo Franěk und seine Frau; nach einem schweren epileptischen Anfall im Verhör kamen sie frei. Am 26. Januar 1941 wurde er erneut verhaftet, saß in Gollnow in Pommern (heute Goleniów), später in Berlin-Plötzensee. Der Volksgerichtshof verurteilte ihn am 16. Dezember 1942 zum Tode; am 1. Juli 1943 wurde er mit dem Fallbeil hingerichtet. Er war 45.

Wenige Stunden vor der Hinrichtung schrieb er seiner Frau Antonie. Er bat sie, nach dem Krieg wieder zu heiraten; an bestimmten Junitagen arme Kinder im Rozvědčík zu bewirten; und, wenn die Verhältnisse es erlaubten, im Schlag unter den Lärchen eine kleine Kapelle aus Kieselsteinen bauen zu lassen, in Form eines Hufeisens. Der Zensor fand nichts zu beanstanden, der Brief kam an; er ist heute in der Gedenkstube in Nezabudice ausgestellt. Die Kapelle steht seit 2024, 81 Jahre danach, gebaut von Nachbarn aus Nezabudice und Branov.

Im Gefängnis stickte Franěk außerdem ein Taschentuch mit dem Lerchental und seinem Wirtshaus. Über die Sternchen darauf erzählt man sich vor Ort, sie markierten die Waffenverstecke. Gefunden wurde nach dieser „Karte" nie etwas.

2023 zeigte die Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin erstmals eine Ausstellung über die tschechischen Opfer von Plötzensee. Darunter ein bis dahin unbekanntes Foto aus Franěks Gerichtsakte: die Waffen, die die Gestapo im Rozvědčík fand.

Was man heute besuchen kann

Fähre und Pamětní síň Oty Pavla. In Prošeks Fährhaus (Luh pod Branovem 13) ist seit Sommer 1990 eine Gedenkstube, aufgebaut ab 1986 vom damaligen Fährmann Ivo Brůžek; die heutige Ausstellung stammt von 2014. Geöffnet ist im Sommer täglich, im Frühjahr und Herbst an den Wochenenden, der Eintritt ist freiwillig — die genauen Zeiten weichen je nach Quelle ab und ändern sich mit der Saison, also vorher auf otapavel.cz nachsehen. Die Zille heißt Hermína — wie Ota Pavels Mutter. Ein Dokument dazu gibt es nicht; an einem Ort, an dem Gedenkstube, Wandertag und der halbe Landstrich seinen Namen tragen, braucht es auch keins.

Hostinec U Rozvědčíka, Nezabudice Nr. 55. Gedenktafel für Franěk an der Fassade (1997), dazu sein Wahlspruch, sinngemäß: Was mir einer einmal Gutes gönnt, das gönne ich ihm tausendmal. Ganz in der Nähe die Kapelle von 2024.

Pamětní síň Jaroslava Fraňka in Nezabudice, seit 1998 in der Gemeindeverwaltung, Außenstelle des Museums T. G. M. Rakovník. Dort liegen Abschiedsbrief und Taschentuch. Feste Öffnungszeiten sind nicht dokumentiert; vermutlich geht es nur nach Anmeldung über das Museum in Rakovník — vorher fragen. Am Wochenende nach dem 1. Juli gibt es jährlich eine Gedenkveranstaltung.

Kouřimecká rybárna, ein einsames Anwesen einige Flusskilometer oberhalb, Privatbesitz. Hier hielt sich Ota Pavel in seinen letzten Lebensjahren oft auf. Wichtig für alle, die die Verfilmungen kennen: Kachyňa hat die Rybárna als Prošeks Fährhaus gedreht. Das echte steht flussabwärts.

Jedes Jahr im Juni gibt es in Branov den Pochod krajem Oty Pavla, einen Wandertag mit mehreren Strecken; 2026 war es der 30. Jahrgang.

Lesen und sehen

Beide autobiografischen Bücher liegen auf Deutsch vor, übersetzt von Elisabeth Borchardt. Der Tod der schönen Rehböcke erschien erstmals 1973 bei Volk und Welt in Ost-Berlin und am 20. August 2026 neu bei Wagenbach (Salto 294, ISBN 978-3-8031-1393-1). Wie ich den Fischen begegnete kam 2005 im Berliner Phileas Verlag heraus und erscheint am 8. Oktober 2026 neu bei Jung und Jung (ISBN 978-3-99027-457-6). Der Grund für beide Neuausgaben liegt nahe: Tschechien ist Ehrengast der Frankfurter Buchmesse vom 7. bis 11. Oktober 2026.

Karel Kachyňa hat zwei Stoffe verfilmt: Zlatí úhoři („Goldene Aale", Fernsehfilm 1979) und Smrt krásných srnců (Kinofilm 1986/87). Karel Prošek spielte Rudolf Hrušínský, Jaroslav Franěk Radoslav Brzobohatý bzw. Alois Švehlík. Dass die Verhaftungsszenen nicht dem tatsächlichen Ablauf entsprechen, hat Franěks Biograf ausdrücklich angemerkt. Ob es deutsche Fassungen gibt, ließ sich nicht klären.

Was offen bleibt

Ein Teil dieser Geschichte ist nicht sauber belegt, und das soll hier auch so stehen, statt geglättet zu werden.

Wann Ota Pavels Vater deportiert wurde, sagen drei Quellen unterschiedlich: Februar 1943 zusammen mit den Söhnen, Ende 1944, oder erst 1945. Die Transportlisten aus Theresienstadt würden es klären.

Wann das Wirtshaus gebaut wurde, steht mal mit 1934, mal mit 1935 da.

**Warum die Fähre Hermína heißt**, hat niemand aufgeschrieben. Der Name von Ota Pavels Mutter ist die naheliegende Antwort, aber eben nur die naheliegende.

Was auf Franěks gesticktem Taschentuch die Sternchen bedeuten, weiß man vor Ort auch nicht — man erzählt sich, es seien die Waffenverstecke. Gesucht hat offenbar niemand ernsthaft danach.

Nichts davon ändert etwas an der Geschichte. Und ehrlich gesagt: Auf einer Fahrt, deren schönster Teil ohnehin darin besteht, dass niemand einen Fahrplan hat, ist eine offene Frage kein Mangel, sondern ein Anlass.

Wer hinfährt, kann fragen. Den Fährmann, warum sein Boot Hermína heißt — er steht direkt neben einem, die Überfahrt dauert ohnehin lang genug. In der Gedenkstube in Luh, was aus Prošeks Hund Holan geworden ist. In Nezabudice, ob wirklich nie jemand nach den Sternchen gegraben hat. Wer eine Antwort mitbringt, schreibe sie uns — wir tragen sie hier nach, mit Namen.

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Quellen

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