Mangart, 2679 m — hinauf die slowenische, hinab die italienische Route
07.08.2026
Der Mangart steht auf der Grenze zwischen Slowenien und Italien, und die Straße endet auf 1900 Metern. Hinauf über den slowenischen Klettersteig, hinab auf der italienischen Route — einmal um den Berg herum, mit Rundblick den ganzen Tag.
Mangart — slowenischer Weg hinauf, italienischer hinab
8,1 km ↑ 797 m↓ 809 m 5:47 h 1882–2668 m
6. Juli 2026 · 8,1 km · 797 Höhenmeter · 1882 bis 2668 m · 11:01 bis 16:48 Uhr
Der Mangart steht auf der Grenze zwischen Slowenien und Italien, und man kommt ihm unverschämt nahe, ohne einen Schritt zu gehen. Die Mangartstraße endet auf 1900 Metern. Wer dort parkt, hat die halbe Strecke geschenkt bekommen — und trotzdem noch knapp 800 Höhenmeter vor sich, die es in sich haben.

Zwei Wege, und man muss sich nicht entscheiden
Um kurz nach elf startet die Uhr. Am Sattel steht ein Wegweiser, der die Wahl erstaunlich nüchtern präsentiert:
- Mangrt, slovenska smer — 2 h
- Mangrt, italijanska smer — 2 h
- Via Italiana (brvi) — 1 h
- Belopeška jezera — 3 h 20 min
Wir sind den slowenischen Weg hinauf und den italienischen hinunter. Das ist der eigentliche Reiz dieses Berges: die beiden Routen treffen sich unten am Fuß des Mangart, und von dort führt derselbe Pfad zurück zum Parkplatz. Man macht also eine Runde, ohne umständlich planen zu müssen.
Und das ist mehr als eine bequeme Logistik. Man geht einmal um den Berg herum. Der Rundblick kommt deshalb nicht erst oben — er dreht sich den ganzen Tag mit, Seite für Seite, bis hin zum Triglav, auf dem wir 2013 bei unserer ersten Slowenienreise standen. Wer denselben Weg hinauf und hinunter geht, sieht die halbe Aussicht zweimal und die andere Hälfte nie.
Ein praktischer Grund kommt dazu: Den slowenischen Klettersteig geht man nicht zurück. Er ist ein Weg nach oben, kein Weg nach unten. Wer nicht die Runde machen will, steigt den italienischen Weg hinauf und wieder hinab — das machen viele.
Die Aufzeichnung zeigt die Runde sauber: Oberhalb von rund 2300 Metern liegen Hin- und Rückweg bis zu 380 Meter auseinander. Darunter sind es fünf bis vierzehn — da ist es derselbe Weg.

Warum es die slowenische Route überhaupt gibt
Unten am Sattel steht eine Infotafel, und ihre Geschichte gehört an den Anfang, nicht ans Ende.
Nach dem Zweiten Weltkrieg zerschnitt die neue Staatsgrenze den alten Steig zum Gipfel: er kreuzte sie zweimal. 1953 legte der Alpenverein Tolmin deshalb einen neuen Weg durch die 500 Meter hohe Wand, entworfen von Franc Ceklin, eröffnet am 23. August 1953. Ab 1956 übernahm der Alpenverein Bovec die Pflege. Jahrelang, so die Tafel, reinigte die örtliche Bergrettung den Weg vor der Sommersaison sorgfältig — teils mit Birkenbesen. Die letzte große Sanierung war 2019.
Eine Grenze also, gezogen auf einer Landkarte, und daraufhin bauen Leute mit der Hand einen neuen Weg durch eine halbe Wand. Genau diesen Weg sind wir gestiegen.
Nebenbei widerspricht sich die Tafel selbst: im slowenischen Text steht zahodna stena, Westwand, in der englischen Übersetzung „north rock face". Wer es genau wissen will, schaut vor Ort nach.

Der Aufstieg
Der Anfang ist freundlich: Bohlen, Stufen, Grasrücken. Der Berg selbst steht schon da und schaut zu — ein wuchtiger heller Aufbau über einem Schuttkegel, der von unten aussieht, als hätte jemand einen halben Berg abgeschüttet.

Nach vierzig Minuten quert der Pfad einen langen Schotterhang. Man sieht die Straße noch, klein und gewunden, und weiß: ab jetzt geht es nicht mehr bequem.

Kurz vor Mittag öffnet sich nach Norden ein Tiefblick, für den sich der Aufstieg schon gelohnt hätte. Zwei Seen liegen türkis und dunkelgrün im Wald: die Belopeška jezera, italienisch Laghi di Fusine. Dahinter das Tal, dann Kette um Kette.

Ab hier braucht man beide Hände
Gegen 12:20 kommt das erste Stahlseil. Ab da: Helm, Klettersteigset, Konzentration. Stifte im Fels, Seil an der Wand, rot-weiße Zielmarkierungen an den Stellen, wo man sonst raten müsste.

Zehn Minuten später zieht Nebel in die Wand. In dieser Höhe sind das schlicht Wolken, die vorbeikommen — aber sie nehmen die Sicht, und sie machen den Fels feucht.

Zwischen 11:41 und 13:04 gibt es kein einziges Foto. Über eine Stunde Lücke, mitten im steilsten Teil. Die Erklärung ist die ehrlichste, die es gibt:
Hin und wieder vergisst man im Eifer des Gefechts, Fotos zu machen.
Danach kommen die Bilder zurück, und mit ihnen die Tiefblicke auf die Kehren der Straße, die inzwischen sehr weit unten liegt.

14:18 Uhr, oben
Der höchste Punkt des Tracks liegt bei 2668 Metern. Die Tafel am Gipfelkreuz sagt 2679. Das ist kein Streit, sondern der übliche Versatz eines barometrischen Höhenmessers — aber ein guter Anlass, den eigenen Zahlen nicht blind zu glauben.

Nach Norden liegen die beiden Seen jetzt senkrecht unter einem.

Nach Süden und Osten steht die ganze Kette der Julischen Alpen, Grat hinter Grat, bis sich das Grau in Dunst auflöst.

Hinunter auf der italienischen Seite
Um halb drei geht es weiter, jetzt auf der anderen Route. Es hatte leicht geregnet, der Fels war feucht — und feuchter Kalk ist beim Absteigen deutlich unangenehmer als beim Steigen. Unten im Tal zieht ein Schauer durch, gut sichtbar als grauer Vorhang.

Zwischendurch stehen weiße Alpenmohnpolster im Schotter, ohne jede Erde, mitten im Geröll. Man wundert sich jedes Mal aufs Neue.

Gegen Viertel vor vier trifft der italienische Weg wieder auf den slowenischen. Ab da ist es der Pfad von heute Vormittag, nur andersherum. Um 16:48 stoppt die Uhr, 48 Meter neben dem Punkt, an dem sie gestartet ist.

Für wen ist das?
Die Tafel warnt deutlich: nur für erfahrene Bergsteiger oder für Geführte. Unsere Erfahrung fällt milder aus, und beides darf nebeneinander stehen.
Der Klettersteig ist nicht schwer und nicht ausgesetzt. Weite Teile geht man als Geübter auch ohne Seil. Viele Passagen sind eher sehr steiles Bergwandern als Klettern.
Was aber stimmt: er kostet. Fünf Stunden und siebenundvierzig Minuten unterwegs, knapp 800 Höhenmeter, und am Ende war ich wirklich platt. Für junge Leute ist das vermutlich ein Spaziergang. Für mich kostete es Reserven.
Und trotzdem, oder gerade deshalb: das Beste am Tag war, es geschafft zu haben. Anders machen würde ich nichts.
Wenn du hinwillst:
- Geh die Runde: hinauf der slowenische, hinab der italienische Weg. Beide sind mit zwei
Stunden ausgeschildert, du umrundest den Berg einmal ganz und hast den Rundblick unterwegs, nicht nur oben.
- Plane sie in dieser Richtung. Der slowenische Klettersteig ist ein Aufstiegsweg, man
klettert ihn nicht zurück. Wenn du dir die Runde nicht zutraust: den italienischen Weg hinauf und hinunter, das machen viele.
- Helm und Klettersteigset gehören dazu, auch wenn man sie nicht durchgehend braucht.
- Nasser Kalk ist der eigentliche Gegner. Wenn Regen angesagt ist, plane den Abstieg
großzügiger, nicht den Aufstieg.
- Die Wolken kommen hier von unten. Was um zwölf noch offen war, kann um halb eins Nebel
sein — und zwanzig Minuten später wieder offen.
Danach: der See und das Bergwerk
Wir planen im Urlaub selten. Der Lago del Predil lag auf dem Weg Richtung Österreich, also hielten wir an und gingen baden.

Es war schon Abend, also wurde in der Nähe gegessen. Der Ort heißt Cave del Predil, früher Raibl, und er ist keine Postkarte: über den Häusern hängen die Reste eines Blei-Zink-Bergwerks am Hang, Betonbauten, Halden, Rampen. Genau das macht die Kulisse so eindrücklich.

Am Mundloch des Kaiser-Franz-Erbstollens steht ein Bergmannsdenkmal, davor ein Kranz: Ai minatori di Raibl — den Bergleuten von Raibl.
Gegessen haben wir in der Locanda del Minatore, dem Gasthaus zum Bergmann. Drinnen hängt ein Blechschild mit dem Hausnamen in kyrillischer Schrift, und ein zweites, älteres, das den Ton der Bergwerkszeit konserviert hat:
Questo non è un luogo di conversazione, ma di ordine e di silenzio.
Dies ist kein Ort der Unterhaltung, sondern der Ordnung und der Stille.

Am nächsten Tag sind wir noch ins Museum in Predil gegangen, um mehr über die Geschichte der Mine zu erfahren. Die gehört aber in einen eigenen Text.
---
Zahlen aus der Aufzeichnung der Uhr (Bergsteigen, 6. Juli 2026, 11:01–16:48). Höhen barometrisch gemessen und daher gegenüber der Gipfeltafel um rund elf Meter versetzt.